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Payment der Zukunft: Wo soll das alles noch hinführen?

In den vergangenen rund zehn, fünfzehn Jahren erlebte Payment eine enorme Diversifikation. Ausgelöst durch den Aufstieg des Internets, des E-Commerce und der Digitaltechnik entstehen immer vielfältigere Optionen, Geld auszugeben und einzunehmen

Der Grund dahinter ist immer gleich:

Sowohl Händlern wie Kunden soll es so präzise personalisiert wie nur möglich gemacht werden, die exakt zu ihren Bedürfnissen passenden Methode(n) zu finden.

Allerdings befinden wir uns nach wie vor im „Auge des Sturms“, die Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen, der Boom ungebrochen. Auf den folgenden Zeilen skizzieren wir nicht nur, was anhand heute absehbarer Trends im Bereich Payment kurz- bis mittelfristig zu erwarten ist, sondern beantworten auch die Frage, ob diese Multiplizierung nicht dereinst über das selbstgesteckte Ziel hinausschießt und sich ihre Vorteile ins Gegenteil verkehren. 

Die etwas anderen Kreditkarten kommen

Unsere aus dem Jahr 2016 stammende Newsmeldung nahm es bereits ein wenig vorweg, gut ein Jahr später, im August 2017, begann dann etwas, das vielleicht irgendwann als Zäsur angesehen werden wird: E-Wallet-Großmeister PayPal kündigte erst eine Kooperation mit Mastercard an; schließlich lancierte das Unternehmen darauf aufbauend auch seine eigene Kreditkarten-Reihe:

  1. PayPal Cashback Mastercard (mit prozentualer Kaufsummen-Gutschrift)
  2. PayPal Extras Mastercard (mit Punktegutschrift)
  3. PayPal Prepaid Mastercard (via PayPal-Account aufgeladen)
  4. PayPal Cash Mastercard (via PayPal-Account gedeckte Debit-Karte)

Nun ist PayPal durch die Natur seines Geschäftsmodells als Fintech klassischen Banken näher als reine Tech-Unternehmen. Aber man kann durchaus behaupten, dass diese Vorgehensweise beispielhaft für die Stimmung der Branche ist.

Kreditkarten auf einem Stapel

Die Kreditkarte hat noch längst nicht ausgedient. Sollte die Apple Card Erfolg haben, werden noch viele andere auf den Zug aufspringen.

 

Einen Anfang machte Amazon, als es ebenfalls 2017 aufbauend auf seine bisherigen Karten eine Visa-Karte herausbrachte (in Deutschland in Kooperation mit der Landesbank Berlin). Ende 2018 kündigte dann Google an, sich von der bisherigen Beschränkung auf Zusammenarbeit mit ausgewählten Banken freizumachen. Dazu ging das Unternehmen eine Kooperation mit PayPal und Mastercard ein.

Allerdings bleibt diese Zusammenarbeit mutmaßlich im digitalen Raum. Andere Tech-Firmen sehen hingegen ihre Payment-Zukunft ebenfalls auch in der realen Zahlungswelt. So etwa das Unternehmen aus Cupertino: Apple mischt seit wenigen Monaten auch im Kartengeschäft mit. Der Digitalgigant präsentierte Ende März 2019 seine eigene Kreditkarte, wenig überraschend Apple Card genannt. Das ist, schaut man sich das bisherige Modell an, das mit Apple Pay ein auch hierzulande beliebtes Mobile-Payment-System etablierte, nur konsequent:

  1. Es verstärkt die sowieso gerade bei Apple hohe Kundenbindung noch weiter
  2. Es eliminiert die bisherige Notwendigkeit, eine Drittanbieter-Kreditkarte hinterlegen zu müssen.
  3. Apple macht sich frei von den (Gebühren-)Konditionen, welche andere Banken i.d.R. bei einer solchen Zusammenarbeit diktieren.

Für das Projekt tat sich Apple mit Mastercard und der Goldman-Sachs-Bank zusammen. Letztere ein weitgehend unbeschriebenes Blatt in der Zusammenarbeit mit Privatkunden und vielleicht gerade deshalb der richtige Griff.
Damit verfolgt Apple zwei Strategien:

  1. Die digitale Apple Card als über die iOS-eigene Wallet App bezogene Zahlungsmethode. Sie wird auf dem Pay Account hinterlegt und kann zusammen mit den Geräten als Zahlungsmittel überall verwendet werden, wo auch Apple Pay funktioniert.
  2. Die physische (optisch ansprechende und vollmetallische) Apple Card als Erweiterung. Sie wird jedem Kartenkunden zugesendet und funktioniert als reguläre Kreditkarte.

Tatsächlich ist es für die Zukunft wahrscheinlich, dass wir noch weitere Veröffentlichungen dieser Art sehen werden. Allerdings ist fraglich, in welchem Maß sie auch in Deutschland betreffen werden – ein Release der Apple Card hierzulande ist beispielsweise bislang offen.

Der Trend steht jedoch: Alle digitalen (Hardware-)Unternehmen sind bestrebt, die Kundenbindung zu verfestigen. Weit über das eigentliche Endgerät hinaus. Apple und PayPal als die größten Player haben zwar den ersten Schritt getan. Jedoch werden andere nachziehen – allerdings auch mit anderem Hintergrund:

Die Startups werden weniger

Die vergangenen Jahre waren im Mobile Payment davon geprägt, dass Anbieter wie Pilze aus dem Boden schossen. Das immergleiche Ziel: Derjenige sein, der Mobile Payment zum endgültigen Durchbruch verhilft.
Allerdings hatte und hat dieser Wunsch, so gut Startups auch in anderen Bereichen funktionieren, hier mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen:

  1. Global gesehen gibt es in jedem Land eine unterschiedlich stark ausgeprägte Bereitschaft, auf mobile Zahlungsmittel umzusteigen. In Deutschland beispielsweise haben selbst unter den Millennials gerade einmal 38 Prozent den Wunsch, mobil zu zahlen. Insgesamt wird für 2019 nur ein mobiles Transaktionsvolumen von 894 Millionen Euro erwartet – wohingegen der Gesamtumsatz im Einzelhandel voraussichtlich bei 535 Milliarden Euro liegen wird. Auch in den USA wird Mobile Payment nur von rund sechs Prozent der Konsumenten regelmäßig genutzt.
  2. Viele Anbieter versuchten, das Rad neu zu erfinden. Sie setzen deshalb auf unterschiedliche Verfahren. Das erhöhte die Konfusion der Zielgruppe.
  3. Das Thema Sicherheit. Eine gewichtige Zahl von Menschen möchte nicht auch noch seinen Zahlungsverkehr aufs Handy auslagern. Hier wiegt die Furcht vor Hacks – ob berechtigt oder nicht - größer als der gebotene Komfort. Eine erst kürzlich durchgeführte Studie kam zu der Ansicht, dass dabei auch Furcht vor Haftbarkeit eine Rolle spielt

Bezahlung im Restaurant

Digitalisierung ist auch ein sozialer Prozess: Je älter eine Bevölkerung, desto schwerer haben es moderne Payment- Methoden momentan noch.


So sahen die vergangenen Jahre ein Sterben durchaus vielversprechender Jungunternehmen. Etwa SEQR/Glase, Cringle oder Lendstar (nun bei epay). Selbst Microsoft stellte jüngst sein Wallet ein.

Die Szene hat erkannt, dass sich M-Payment nicht (China und Indien bestätigen als Ausnahmen die Regel) erdrutschartig durchsetzen wird, weil es hier auch um einen sozialen Prozess der Digitalisierung geht. Künftig wird es deshalb wohl weitaus weniger Gründungen geben – was aber mutmaßlich den bestehenden Systemen den Rücken stärkt, da sie ihren Fokus voll auf Verbesserung richten können, statt auf Konkurrenzkämpfe.

Der Wearables-Markt wird sich ausweiten

2018 machte Visa zu den olympischen Winterspielen Furore, indem es unter anderem NFC-bestückte Handschuhe lancierte, damit Fans trotz warm eingepackter Finger zahlen konnten.

Seit kurzem arbeitet der Kreditkartenanbieter nunmehr auch mit der moskowitischen Moscow Credit Bank zusammen, um eine Reihe ebenfalls NFC-fähiger Ringe herauszubringen, welche dasselbe vermögen – über die Verbindung mit einem Kreditkartenkonto Zahlungen berührungslos abzuwickeln.

Wearable Bezahlung

Wearables sind praktisch, niedrigschwellig und unkompliziert. Faktoren, die ihnen noch zu einer großen Zukunft verhelfen werden.

 

Tatsächlich verbirgt sich hier ein auch psychologisch interessantes Detail. Denn wo geradliniges M-Payment wie erwähnt seine Akzeptanzschwierigkeiten hat, sieht es bei Wearables deutlich anders aus.

Vielleicht auch deshalb, weil sich das Prinzip an entscheidenden Stellen unterscheidet:

  • Eine weitaus bessere „Tarnung“, dadurch stark verringertes Diebstahlrisiko im Vergleich zu Smartphones, Portemonnaies usw.
  • Ein niedrigschwelligerer Einstieg. Es ist weder notwendig, Apps herunterzuladen noch seine Daten mit Drittunternehmen zu teilen.
  • Eine verbesserte gefühlte und tatsächliche Sicherheit, weil es nicht wie beim Smartphone mehrere Einfallsvektoren gibt.
  • Ein vereinfachter Umgang. Kein Öffnen von Apps, kein Ein- und Ausschalten von NFC-Funktionen.

Tatsächlich sind einige Experten sogar der Ansicht, dass Wearable Payment die kurz- und mittelfristige Zukunft sei. Und zwar solange, bis in den meisten Ländern eine überwiegende Anzahl der Bevölkerung zu denjenigen gehört, die mit dem Smartphone aufwuchsen. Erst dann, so die Ansicht, wäre Mobile Payment wirklich massentauglich – sofern nicht noch technische Entwicklungen auch das Smartphone in bisheriger Form ablösen.
Doch was bedeutet das? Vor allem das: NFC hat dadurch, dass es auf praktisch allen möglichen „Trägermedien“ funktioniert, ein immenses Potenzial.
Ringe, Armbänder, Knöpfe, Broschen – es gibt praktisch nichts, das nicht zum Zahlungsmittel werden könnte. Und vieles davon kann so robust gestaltet werden, dass man es 24/7/365 tragen kann.
Das ist für viele Menschen ein sehr starkes Statement und wird definitiv dazu führen, dass stationäre Händler und Dienstleistungsanbieter künftig ungleich häufiger Reversnadeln, beringte Fäuste oder Handgelenke über das Zahlterminal gehalten bekommen.

Ist viel bald zu viel?

Bleibt die Frage, ob die Diversifizierung sich nicht irgendwann selbst im Weg stehen wird. Muss man als E-Commerce-Anbieter irgendwann Angst haben, nicht genügend der dann möglichen Methoden anzubieten und so Kunden zu vergraulen?

Höchstwahrscheinlich nicht:

  1. Das Wachstum ist auf diesem Gebiet viel mehr ein linearer denn exponentieller Prozess. Das heißt, die Zahl der Methoden wird nicht „explodieren“, sondern in einem überschaubaren Rahmen bleiben, weil auch alte/unbeliebte Methoden wegbrechen werden.
  2. Bei nur wenigen Entwicklungen achten Kunden so sehr auf Sicherheit wie beim Geld. Mittelfristig werden es nur solche Systeme auf dem Markt schaffen, die nicht nur eine von vielen als sinnvoll erachtete Verbesserung sind, sondern auch einen hohen Sicherheitsstandard haben.
  3. Bezahlung ist eines der ur-marktwirtschaftlichsten Prinzipien überhaupt. Bei nichts anderem liegt die Hebelkraft so sehr in den Händen der Kunden. Sie bestimmen, was sich durchsetzen wird und was nicht. Eine unüberschaubare Anzahl von Payment- Optionen wird es schon deshalb nicht geben, weil sie für die Kundenmasse zu intransparent wären.

Zu letzterem passt auch ein Zitat aus dem Munde von Sebastian Siemiatkowski, CEO von Klarna. Anlässlich der intensivierten Zusammenarbeit seines Unternehmens mit dem Modegiganten H&M sagte er:

Kunden werden unnötige Komplexität nicht verzeihen, ebenso wenig wie wenn sie bemerken, dass der Einzelhandel das verfügbare Kundenwissen nicht nutzt, um den Einkauf intelligent, persönlich und einfach zu gestalten

Sorgen, dass das System größer und vielfältiger werden könnte, als ihm guttut, sind unangebracht. Hier kann man durchaus nach einer alten, wirksamen Maxime gehen: Der Markt wird es regeln.

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